Marktüberblick in Deutschland

Während des Berichtszeitraums ließen sich zwei zentrale Themen festmachen, die in der Kanzleienlandschaft maßgeblich für Beratungsbedarf sorgten: Restrukturierungen und die Covid-19-Pandemie beziehungsweise das Zusammenspiel dieser beiden Faktoren. Schon vor dem Covid-19-bedingten Einbruch der deutschen Wirtschaft waren insbesondere Arbeitsrechtspraxen aus Großkanzleien, die von der Inhouse-Expertise der Corporate-, M&A- und Restrukturierungskollegen profitieren, an großen Restrukturierungen beteiligt, davon einige mit Insolvenzbezug. Das betraf in erster Linie Sektoren, deren Wirtschaftsmodelle in den letzten Jahren verstärkt ins Schwanken gerieten, wie Automotive und Retail, sowie Sektoren, die zu den großen Verlierern der Pandemie zählen wie Tourismus und Gastronomie. Jedoch auch Zukunftstechnologien wie die Windenergie an Land geriet ins politische Kreuzverhör und büßte durch die Abstandsregelung und die Netzausbauverpflichtung an wirtschaftlicher Profitabilität ein, was sich wiederum im Mandantenportfolio darauf spezialisierter Kanzleien bemerkbar machte.

Mit der Ausbreitung der Covid-19-Pandemie Anfang 2020 verlagerte sich der Fokus, zumindest kurzfristig, auf die Beratung zur Kurzarbeit und damit einhergehenden Homeoffice-spezifischen datenschutzrechtlichen Themen. Damit beschäftigten sich vor allem Kanzleien mit einem Schwerpunkt auf die Dauerberatung von Arbeitgeber-Mandanten und betraf neben der Einführung von Kurzarbeit typischerweise die Themenblöcke Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit. Dazu zählte nicht zuletzt die bis zum 31. Dezember 2020 befristete Änderung des Betriebsverfassungsgesetzes zur Ermöglichung virtueller Betriebsratssitzungen (die zuvor auf einer physischen Zusammenkunft basierten).

Diese digitale Transformation steht jedoch nicht nur im Zeichen der Covid-19-Pandemie, sondern breitete sich schon im Vorfeld aus und stellt aktuelle arbeitsrechtliche Rahmenbedingungen vor neue Herausforderungen. Dieser Trend trägt zweierlei Gesichter: Zum einen befinden sich Arbeitgeber an einen Knotenpunkt, an dem es gilt, mit den rasanten technologischen Entwicklungen Schritt zu halten und sich den datenschutzrechtlichen Anforderungen zu stellen. Zwar wurden die diesbezüglichen gesetzlichen Änderungen der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) weitgehend umgesetzt, für Kanzleien mit mittelständischen und Kleinunternehmen im Portfolio sorgt die Umsetzung allerdings weiterhin für Beratungsbedarf beziehungsweise investieren auch Großunternehmen in Compliance-Systeme, um nicht ins Blickfeld der Behörden zu geraten. Zum anderen bedingt die fortschreitende Digitalisierung eine Flexibilisierung der Arbeitsstrukturen (agiles Arbeiten), die außerhalb der aktuellen gesetzlichen Rahmenbedingungen liegen. Atypische Beschäftigungsverhältnisse nehmen rasant zu und neue Technologien führen zu neuen Trends. Dazu zählen die gemeinsame Nutzung von Büros (Office-as-a-Service), Homeoffice-Lösungen sowie virtuelle Kooperationen und Kollaborationen. Kanzleien, und vor allem diejenigen, die sich der Beratung an der Schnittstelle zu Datenschutz und IT verschreiben, versprechen sich daraus eine volle Auftragslage und ein sicheres Zukunftsgeschäft. Hierzu zählt auch das Themenfeld Scheinselbstständigkeit, das nicht zuletzt durch das verstärkte Vorgehen der Behörden zunehmend an Bedeutung in der Mandatsarbeit gewinnt.

Neben einer Zunahme an Arbeit 4.0-Mandaten erwarten Kanzleien mit dem Auslaufen der ausgesetzten Insolvenzantragspflicht im September 2020, was in Bedrängnis geratene Unternehmen zusätzlich Zeit verschaffte, staatliche Hilfen zu beantragen und Sanierungsbemühungen voranzutreiben, einen mittel- und langfristigen Anstieg der Anfragen zu betrieblichen Reorganisationen, bis hin zu Stilllegungen.

Der arbeitsrechtliche Anwaltsmarkt selbst verhielt sich in Anbetracht der Einschränkungen, die die Covid-19-Pandemie mit sich brachte, hingegen relativ ruhig und war nur von vereinzelten personellen Veränderungen gezeichnet: So leitet der ehemalige DLA Piper-Partner Sascha Morgenroth seit August 2019 die Arbeitsrechtspraxis bei Simmons & Simmons und bei Arqis Rechtsanwälte stieg Tobias Neufeld (bis 2018 bei Allen & Overy LLP und zwischenzeitlich selbstständig) im März 2020 als Co-Praxisgruppenleiter ein. Im November 2020 verstärkte sich Heuking Kühn Lüer Wojtek außerdem mit einem Team von Dentons einschließlich des dortigen Co-Heads Utz Andelewski.