Marktüberblick in Deutschland

Die Auswirkungen der Covid-19-Krise machten sich wohl in den meisten Kanzleien beziehungsweise Praxisgruppen bemerkbar; so auch in den bank- und finanzrechtlichen Teams und dies in Form von zunehmenden Beratungsbedarf.Der aufsichtsrechtliche Beratungsbedarf nahm mit den zunehmenden Aktivitäten der Aufsichtsbehörden zu, die als Reaktion auf die Krise zahlreiche aufsichtsrechtliche und regulatorische Maßnahmen zur Bankaufsicht und Erlaubnispflicht sowie zur Versicherungs- und Wertpapieraufsicht ergriffen. So beschäftigten sich auf die Bankenberatung spezialisierte Kanzleien unter anderem mit Mandatierungen zur Zulässigkeit der Dividenden- und Boni-Auszahlung sowie zu Förderkrediten und Moratorien einschließlich damit einhergehender Verpflichtungen.Der zweite große – und Covid-19-unabhängige – Themenblock, der diverse Subgruppen bank- und finanzrechtlicher Abteilungen, von Aufsichtsrecht und Compliance über die Kreditvergabe und Fondsinvestments, mit laufenden Mandatierungen versorgt, betrifft Fragestellungen rund um ESG (Environmental, Social and Governance). Seit März 2021 gilt die europäische Offenlegungsverordnung, die von Unternehmen des Finanzsektors verlangt, die Nachhaltigkeit ihrer Produkte offenzulegen beziehungsweise Anleger*innen darüber zu informieren, inwieweit ökologische und soziale Kriterien und Standards beachtet werden. Allerdings bestehen weiterhin Unklarheiten, beispielsweise betreffend die Frage, wann ein Finanzprodukt auch tatsächlich auf eine nachhaltige Investition abzielt und wann es nur einzelne ökologische oder soziale Merkmale ausweist. Außerdem bleibt weiterhin unklar, ab wann Finanzprodukte, die in ein breites Portfolio investieren, als nachhaltig gelten.Diese Unklarheiten beziehungsweise die allgemeine Popularität von nachhaltigen und grünen Investitionsformen, angetrieben durch den mit dem Niedrigzinsumfeld einhergehenden Investitionsdruck, sorgten während des Berichtszeitraums für eine volle Auftragslage bei diversen Fondspraxen. Dabei macht sich ein hoher für die Beratung zu alternativen Anlagen erforderlicher Spezialisierungsgrad bemerkbar. Kanzleien werden dem mit internen Schwerpunktsetzungen auf diverse Assetklassen wie Immobilien, Private Equity, Infrastruktur und Erneuerbare Energien einerseits und auf verschiedene Fondstypen andererseits gerecht. Zudem verfügen zahlreiche deutsche Fondspraxen mittlerweile über direkte Kontakte zu Luxemburger Fondsspezialisten – dafür eröffneten einige Kanzleien in den letzten Jahren speziell dafür eingerichtete Standorte -, um zu Luxemburger Fondsstrukturen aus einer Hand beraten zu können.Auch Investitionen in FinTechs nehmen Fahrt auf und dies ungeachtet der Covid-19-Pandemie. Insbesondere Risikokapital-Investoren zeigen sich investitionsfreudig. Während es sich bei FinTechs vor wenigen Jahren noch mehrheitlich um Start-ups handelte, so ist die Branche mittlerweile aus den Kinderschuhen herausgewachsen und im Erwachsenenalter angekommen. In der rechtlichen Beratungswelt blieb dieser Trend nicht unbemerkt und zeigt sich inzwischen auch bei Großkanzleien in eigens darauf spezialisierten Teamaufstellungen. Da die FinTech-Beratung zahlreiche Themenfelder umfasst – wie Aufsichtsrecht, M&A, Venture Capital und Datenschutz – fallen auch die jeweiligen kanzleiinternen Spezialisierungen unterschiedlich aus. Großkanzleien fokussieren sich weiterhin auf die Begleitung von Banken und etablierten FinTechs und profitieren von praxisübergreifenden Kooperationen, während kleinere Einheiten aufgrund der Kostenstruktur dazu in der Lage sind, FinTechs bereits in der Entwicklungsphase zu unterstützen und dabei einen hohen Spezialisierungsgrad in den Bereichen Tokenisierung, Kryptowährungen und Distributed-Ledger-Technologien (DLT) unter Beweis stellen.In der Kreditvergabelandschaft dominierte in der ersten Hälfte des Berichtszeitraums die Beratung zur Aufnahme von Rettungslinien und Sonderprogrammen der KfW, die der Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Krise galten, sowie restrukturierungsnahe Finanzierungen beziehungsweise Vertragsanpassungen, wenngleich sich auch Unternehmen, die weniger stark von den wirtschaftlichen Auswirkungen betroffen waren, vorsorglich mit Kapital versorgten.Die Finanzierungsberatung unterliegt hierbei zweier Trends: zum einen nimmt die Komplexität von Finanzierungsstrukturen weiterhin zu, wovon vor allem Praxen mit robusten DCM-Kapazitäten profitieren, und zum anderen wird auch die Kreditgeberlandschaft immer facettenreicher. Dies zeigt sich im verstärkten Auftreten von Versicherungen, Fonds und Schattenbank-Konstruktionen, die vermehrt in die Fußstapfen von klassischen Baken treten, da alternative Finanzierer zum einen flexiblere Konditionen anbieten können und sich Banken zum anderen aufgrund verschärfter Regulierungen und hoher Verwaltungskosten aus bestimmten Segmenten der Kreditfinanzierung zurückziehen. Allen voran bilden Debt Fonds mittlerweile einen fixen Bestandteil des Mandantenstammes vieler Kanzleien, die sich auf die kreditgeberseitige Beratung spezialisieren.Dies betrifft auch den Immobilienfinanzierungsbereich, wo sich im Berichtszeitraum zahlreiche Projektentwicklungen durch Debt Fonds finanzierten und somit mit den Pfandbriefbanken konkurrierten, wenngleich sich in der ersten Jahreshälfte 2020 auch im deutschen Immobiliensektor die durch Covid-19 verursachte Volatilität spürbar machte. Folglich wurden einige bevorstehende oder geplante Deals verschoben. Aufgrund des anhaltenden Investitionsdrucks erwarten sich Kanzleien jedoch eine zügige Erholung.Außerdem haben die aus der Covid-19-Pandemie hervorgegangen Trends des digitalen Arbeitens und der Remote Economy starke Auswirkungen auf den Immobilienmarkt und das Potential, die Immobilienlandschaft nachhaltig zu transformieren. Ein konkreteres Bild wird sich allerdings erst in den Folgejahren zeichnen lassen.Signifikante personelle Veränderungen hielten sich im Berichtszeitraum zwar in Grenzen, blieben jedoch nicht aus: Ende 2020 stieg Barbara Mayer-Trautmann, die zuvor die Co-Leitung der Kreditfinanzierungspraxis von Clifford Chance inne hatte, mit einem Team aus Senior Associates bei Milbank ein. Im August 2021 spaltete sich eine fünfköpfige aus Counsels und Associates bestehende Gruppe von POELLATH ab, um die auf das Fondsrecht spezialisierte Boutique Orbit zu gründen.