Marktüberblick in Deutschland

Die Vielschichtigkeit des deutschen Bank- und Finanzrechtsmarkts bietet Kanzleien unterschiedlicher Spezialisierungen und Ausrichtungen Wachstumschancen und sorgt weiterhin für einen konstanten Mandatsfluss. Zum einen berichten Kanzleien von einer weiterhin steigenden Regulierungsdichte. So sorgt unter anderem der anhaltende Ausbau aufsichtsrechtlicher Rahmenbedingungen im Bereich des Bankaufsichtsrechts für hohen Beratungsbedarf: Dazu zählen die OGAW (Organismen für gemeinsame Anlagen in Wertpapieren), AIFM (The Alternative Investment Fund Managers Directive), MiFID II (Markets in Financial Instruments Directive II), die Geldwäsche-Novelle und PSD 2 (Payment Services Directive), sowie die Novellierung steuerrechtlicher Vorschriften und die regulatorischen Eigenkapitalanforderungen (Basel 3 und 4) beziehungsweise CRD4 (Capital Requirements Directive), CRD5, CRR2 (Capital Requirements Regulations).

Zum anderen bringt die fortschreitende Digitalisierung ein stetiges Mandatsaufkommen in den Bereichen Blockchain und Kryptowährungen, von der neben Großkanzleien auch zahlreiche Boutiquen profitieren. Während Großkanzleien in diesem Segment in der Regel die Beratung der Banken und anderer Finanzdienstleister bei Kooperations- und Partnerschaftsschließungen mit FinTech-Unternehmen beziehungsweise bei strategischen Übernahmen und anderen Transaktionen übernehmen, treten Boutiquen, insbesondere diejenigen mit einer starken Vernetzung in der Start-up-Szene, häufig seitens FinTech-Unternehmen auf und begleiten diese neben regulatorischen Themen bei Transaktionen und angrenzenden TMT-Fragestellungen. Aufgrund der flexibleren Kostenstruktur werden diese kleineren Einheiten von Unternehmen häufig den Großkanzleien vorgezogen.

Darüber hinaus bedingen die restriktiveren regulatorischen Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen eine facettenreichere Kreditvergabelandschaft, in der Versicherungen, Fonds und Schattenbank-Konstruktionen bei der Kreditvergabe vermehrt in die Fußstapfen von klassischen Banken treten, nicht zuletzt, da alternative Finanzierer in der Regel flexiblere Konditionen anbieten können. Allen voran bilden mittlerweile Debt-Fonds einen fixen Bestandteil des Mandantenstamms vieler Kanzleien, die sich auf die kreditgeberseitige Beratung spezialisieren. Durch das Anbieten günstigerer Konditionen werden sie wettbewerbsfähiger, gehen jedoch ein deutlich höheres Risiko ein, da sie auch in riskantere Unternehmen investieren, die nur wenige Kreditsicherheiten bieten. Dies betrifft auch den Immobilienfinanzierungsbereich, wo sich im Berichtszeitraum zahlreiche Projektentwicklungen durch Debt Fonds finanzierten und somit mit den Pfandbriefbanken konkurrierten.

Diese Trends basieren weiterhin auf einem Niedrigzinsumfeld, wodurch sich der Anlagedruck für Investoren weiterhin intensiviert. Klassische Anlagen sind wenig rentierlich und somit verstärkt sich die Nachfrage nach alternativen Anlagen. In der Rechtsberatung erfordert diese Anlageberatung ein hohes Maß an Spezialisierung, dem die jeweiligen Teams mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen auf diverse Assetklassen wie Immobilien, Private Equity, Infrastruktur und erneuerbare Energien einerseits und auf verschiedene Fondstypen andererseits gerecht werden.

Außerdem laufen aufgrund des günstigeren regulatorischen Umfelds viele Finanzierungslösungen über Luxemburg, woraufhin die standortübergreifende Beratung mit den jeweiligen Luxemburger Büros beziehungsweise teaminterne Schwerpunktsetzungen auf Luxemburger Fondsstrukturen inzwischen zum Standardprogramm vieler Kanzleien zählen. Neben der klassischen Fondsstrukturierung nehmen jedoch auch hier aufsichtsrechtliche Rahmenbedingungen eine zentrale Rolle in der Mandatsarbeit ein, und dies nicht zuletzt durch die Reform der Investmentbesteuerung, die im Januar 2018 in Kraft trat und weiterhin für Beratungsbedarf sorgt.

Gleichzeitig berichten Finanzierungspraxen von einer deutlichen Zunahme an Restrukturierungen, wovon man sich in Zukunft noch mehr erwartet, insbesondere in den Automobil- und Zuliefererindustrien, die mit Transformationsschwierigkeiten zu kämpfen haben.

Auch der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU war weiterhin ein Thema, wovon in erster Linie bank- und finanzrechtliche Teams mit standortübergreifenden und multijurisdiktionalen Kapazitäten profitierten. Zwar lag im Gegensatz zum Berichtszeitraum 2017/ 2018 der Fokus nicht mehr auf Sitz- und Geschäftsverlagerungen (diese waren größtenteils zum Abschluss gekommen), Brexit-bezogene aufsichts- und kapitalmarktrechtliche Fragestellungen standen aber weiterhin an der Tagesordnung.

Signifikante personelle Veränderungen hielten sich im Recherchezeitraum in Grenzen, blieben jedoch nicht aus: So wechselte beispielsweise Finanzaufsichtsrechtler Andreas Wieland im Oktober 2018 von White & Case LLP zu KPMG Law Germany und Finanzierungsspezialist Patrick Mittmann im August 2018 von Hogan Lovells International LLP zu Baker McKenzie. Zudem erfuhr die Finanzierungspraxis von Willkie Farr & Gallagher LLP durch den Zugang von Ralf Defren im August 2019 erheblichen Aufwind. Er war zuvor bei Hengeler Mueller. Im Investmentfonds-Bereich verstärkte sich Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH im April 2019 mit einem Fonds-Team von Dechert LLP: Praxisgruppenleiter Achim Pütz trat der Kanzlei gemeinsam mit Martin Hüwel und Frank Wilbert bei.