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Marktüberblick in Deutschland

In der öffentlichen Wahrnehmung war der Energiesektor 2019 und 2020 vor allem im Zusammenhang mit der Klimaschutzbewegung Fridays For Future in den Schlagzeilen. Bei Kanzleien schlug sich die Energiewende in dieser Zeit in Form des Kohleausstiegs und im verstärkten Mandatsaufkommen in den erneuerbare Energien, hier vor allem im Off- und Onshore-Windsektor, aber auch mit Bezug auf Photovoltaikanlagen, nieder. Die Beratung zu Flüssigerdgas bleibt bei den Kanzleien präsent, wenn auch nicht als Wachstumsbereich. Spätestens seitdem im Sommer 2020 die Nationale Wasserstoffstrategie von der Bundesregierung verabschiedet wurde, sind auch Mandate zur Energieerzeugung durch Wasserstoff klar im Kommen. Zudem blieb die regulatorische Begleitung bei Konzessionsabgabeverfahren und der Festlegung der Erlösobergrenzen für die 3. Regulierungsperiode sowie der Abrechnung der Regulierungskonten aus vergangenen Perioden gefragt. Auch im Bereich Energiehandel und dem ebenfalls wachsenden Beratungsbereich um Corporate Power Purchase Agreements war Bewegung am Markt erkennbar.

Die Neugründung der Kanzlei Rosin Büdenbender zu Jahresbeginn 2020 durch das ehemalige Regulierungsteam von White & Case LLP eröffnete für Peter Rosin, Ulrich Büdenbender, Michael Bartsch und Ralf Schäfer (letztere drei zuvor Of Counsel) sowie für Jana Michaelis, Kristin Spiekermann und Christina Will (alle drei vormals Local Partnerinnen) die Möglichkeit zum Neustart als Boutique. Dentons holte sich mit dem ehemaligen Baker McKenzie-Team um die Leiter Tim Heitling und Thomas Dörmer und einschließlich Counsel Daniel Neudecker im Juli 2020 Corporate-Verstärkung im Energiesektor, und baute bereits im November 2019 mit der Ankunft von Axel Schlieter, ehemals Counsel bei Clifford Chance, die Projektfinanzierungsexpertise aus.

Baker McKenzie wiederum holte sich im Juli 2019 mit der ehemaligen DLA Piper-Partnerin Silke Gantzckow eine erfahrene Corporate-Anwältin ins Boot. Bei Luther Rechtsanwaltsgesellschaft mbH sorgte die Ankunft des ehemaligen Norton Rose Fulbright-Partners Gerd Stuhlmacher im April 2020 für Verstärkung im Energiehandelsrecht. Zuvor war im September 2019 der ehemalige Norton Rose Fulbright-Counsel Christian Bauer mit seiner Projektfinanzierungs- und -entwicklungsexpertise zu Watson Farley & Williams LLP gewechselt. Der ehemalige Watson Farley & Williams LLP-Corporate-Partner Christian Ulrich Wolf schloss sich indessen im März 2020 BEITEN BURKHARDT an. Hogan Lovells International LLP gewann mit dem ehemaligen DLA Piper-Counsel Stefan Schröder im Januar 2020 einen Regulierungsrechtler und Energiehandelsexperten, während im April 2020 Boris Scholtka von PwC Legal (PricewaterhouseCoopers Legal AG Rechtsanwaltsgesellschaft) zu Ernst & Young Law wechselte.

Im Gesundheitssektor sorgte die Corona-Krise 2020 für die einschneidendsten Veränderungen. Kanzleien sahen vor allem einen Anstieg in der Medizinprodukteberatung, speziell zu den regulatorischen Rahmenbedingungen für den Vertrieb von Atemschutzmasken, persönlicher Schutzausrüstung, Gesichtsschilden und Beatmungshilfen. An der Entwicklung dieser Produkte beteiligten sich auch sonst nicht im Gesundheitssektor tätige Akteure wie beispielsweise Konsumgüter- und Automobilunternehmen.

Der Transaktionsmarkt im Gesundheitssektor gelangte durch die Covid-19-Krise jedenfalls temporär ins Stocken und beschränkte sich auf kleinere, solide finanzierte Transaktionen, nachdem das Transaktionsniveau 2019 sich auf einem mit 2018 vergleichbaren Niveau eingependelt hatte. Langfristig rechnen Kanzleien mit einem Wiederanstieg, auch, weil die Corona-Krise die Bedeutung des Gesundheitssektors als Eckpfeiler der Gesellschaft noch einmal eindrücklich unterstrich. Inwiefern sich dies konkret auf die vor der Krise zu beobachtenden Tendenzen auswirken wird, beispielsweise auf die Reprivatisierungstendenzen im Krankenhausmarkt und das hohe Interesse privater Finanzinvestoren an der Healthcare-Branche, bleibt abzuwarten.

Im Therapiebereich bleiben die neuartigen Therapien Dauerbrenner in der regulatorischen Beratung. Stammzell- und Gentherapien stehen hier im Zentrum der Aufmerksamkeit.

Die Digitalisierung der Gesundheitsbranche schreitet unbeirrt voran, wobei neben Fragen zur Erbringung telemedizinischer Versorgungsdienstleistungen auch der Einsatz künstlicher Intelligenz, der Einsatz von Blockchain und die Nutzung umfangreicher Datensätze zur Leistungserbringung der juristischen Begleitung bedürfen. Compliance-Mandate nehmen spürbar zu, nachdem 2019 noch vergleichsweise wenige Fälle sichtbar waren.

Im Kanzleimarkt gab es mit dem Wechsel von Medizinrechtler Till Sebastian Wipperfürth von D+B Rechtsanwälte im August 2019 und im Oktober 2020 von Sebastian Retter, ehemals Medizin- und Versicherungsrechtsspezialist bei Dierks+Company, zu Mazars Rechtsanwaltsgesellschaft mbH Bewegung in Berlin. In München verstärkte sich McDermott Will & Emery Rechtsanwälte Steuerberater LLP im November 2019 mit Counsel Deniz Tschammler, der zuvor Senior Associate bei Hengeler Mueller war und zu dessen Spezialgebieten die Compliance- und regulatorische Beratung im Arzneimittel- und Medizinproduktesektor gehört. Dentons holte sich im November 2019 im Düsseldorfer Büro die Compliance-Expertin Ann-Kristin Cahnbley ins Haus, die zuvor als Senior Associate bei Clifford Chance tätig war. Der Corporate-Partner Gregor Seikel wechselte im Dezember 2019 von GSK Stockmann zu Oppenhoff.

Im Telekommunikationssektor sorgte der Europäische Kodex für elektronische Kommunikation für Beratungsbedarf, um rechtzeitig vor Ablauf der Umsetzungsfrist im Dezember 2020 die erforderlichen Änderungsmaßnahmen zu ergreifen. Inwiefern die Qualifizierung von elektronischen Kommunikationsdiensten nach Ablauf der Umsetzungsfrist sich tatsächlich ändern wird und wie sehr die SkypeOut-Entscheidung und die Gmail-Entscheidung des EuGH nachhallen, bleibt noch abzuwarten. In Deutschland sollte die Umsetzung im Rahmen der Novellierung des Telekommunikationsgesetzes erfolgen, deren Ausarbeitung aber mehr Zeit in Anspruch nahm als die Umsetzungsfrist erlaubt, und nun erst 2021 mit einer Verabschiedung gerechnet wird.

Dementsprechend verzögert sich auch die gesetzliche Förderung des Glasfaserausbaus in Deutschland weiter, die die TKG-Novelle endlich bringen sollte, auch um den am DigiNetzG geäußerten Kritikpunkten abzuhelfen. Nach dem Abschluss der 5G-Frequenzauktion im Sommer 2019 gingen die Netzbetreiber nun zur Aufrüstung ihrer Infrastruktur zu 5G-Technologie über. Auch hier spielt der Glasfaserausbau mit rein, da die Aufrüstung bei Vorhandensein von Glasfaserkabeln weniger kosten- und arbeitsaufwändig ist.

Beratungsbedarf besteht außerdem ungebrochen im Bereich Connected Cars und Machine-to-Machine-Kommunikation. Hier bedienen Kanzleien zunehmend aus einer Hand die Schnittstellen zum Datenschutzrecht und zu Cybersecurity-Fragen.

Das Highlight im Transaktionsmarkt war 2020 der Verkauf von 26% der Anteile von EWE an Infrastruktur-Investor Ardian.