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Marktüberblick in Deutschland

Nach einem schwachen von geopolitischen Unsicherheiten - darunter Brexit und der Handelskonflikt zwischen den USA und China - geprägten ECM-Markt starteten viele Kanzleien optimistisch ins Jahr 2020, von dem man sich einen Aufschwung im Transaktionsmarkt erhoffte. Mit dem Einsetzen der Covid-19-Pandemie machte sich jedoch eine neue Realität breit und verlangte eine Neubewertung dieser Erwartungshaltung. Geplante Börsengänge wurden vorerst verschoben, wenngleich sich die Situation nach dem ersten Schock im Frühsommer 2020 leicht verbesserte.

Nachdem im ersten Quartal des Jahres kein Unternehmen aus Deutschland den Gang an die Börse wagte, gab es im Mai 2020 mit dem IPO des Datenbankanalysten Exasol wieder ein Debüt. Im Juni zog PharmaSGP nach. Sektoriell zeichnen sich hiermit unterschiedliche Bilder ab, was in Anbetracht der Charakterzüge der Krise und der damit einhergehenden wirtschaftlichen Konsequenzen nicht weiter überrascht. So zählen neben der E-Commerce-Branche die Sektoren Life Sciences und Healthcare zu den eindeutigen Gewinnern, wenngleich der Gesundheitssektor prinzipiell von einem azyklischen Charakter geprägt ist. Healthcare- und Life Sciences-Unternehmen bevorzugen weiterhin den Börsengang in den USA, wofür einige deutsche ECM-Teams mit ausgewiesener US-Expertise gewappnet sind.

Im Gegensatz zu IPOs sorgten Aktienemissionen weiterhin für einen regen Mandatsfluss. Im ersten Halbjahr 2020 nahmen Kapitalerhöhungen, Umplatzierungen und Wandelanleihen in Deutschland einen Wert von $19,2 Milliarden ein. Hinter diesen Rekordsummen steht nicht zuletzt die Corona-Krise als treibende Kraft für die Liquiditätssicherung. Die Motive für die Ausgabe neuer Aktien und Wandelanleihen von etablierten Börsenunternehmen sind hierbei unterschiedlich. Stark betroffene Unternehmen reagierten aus Not, wie Unternehmen der Tourismus-Branche, andere handelten vorsorglich. Daneben sorgten und sorgen diverse Staatshilfen dafür, dass die Risiken der Unternehmen und Investoren gering bleiben.

Wenngleich sich IPO-Mandatierungen aufgrund der geringen Anzahl auf nur sehr wenige Kanzleien, die bereits seit Jahren einen fixen Bestandteil der deutschen ECM-Szene bilden, verteilten, so versorgten Aktienemissionsmandate auch andere im ECM-Markt tätige Teams mit Geschäft. Zudem sorgte der Finanzierungsbedarf vieler Unternehmen auf der Fremdkapitalmarktseite für eine gute Auftragslage.

Das rege Treiben des Schuldscheinmarkts ist zum einen dem wachsenden Emissionsinteresse von Unternehmen aufgrund guter Finanzierungskonditionen und zum anderen der starken Nachfrage von Investoren geschuldet. Auch grüne und nachhaltige Finanzierungen erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit und werden auch in Zukunft eine wichtige Rollen spielen. So steht für Herbst 2020 die erste grüne Anleihe des deutschen Staates von über €4 Milliarden mit einer zehnjährigen Laufzeit an. Im vierten Quartal soll ein fünfjähriger Titel hinzukommen, sodass das Gesamtvolumen für 2020 bis €11 Milliarden erreichen kann. Kanzleien weisen jedoch darauf hin, dass grünen und nachhaltigen Anleihen kein regulatorischer Rahmen zugrunde liegt und somit auf den Governance-Vorgaben der jeweiligen Emittenten beruhen.

Auch strukturierte Produkte werden verstärkt nachgefragt. Zum einen geht es Mandanten darum, das Finanzierungspaket zu diversifizieren und zum anderen schürt die Niedrigzinslandschaft und die damit im Zusammenhang stehende Schwierigkeit, rentierliche Anlagen zu finden weiterhin die diesbezügliche Nachfrage. Seit dem Inkrafttreten der EU-Verbriefungsverordnung (Verbriefungs-VO) im Januar 2019 unterliegen diese einem neuen Regelwerk, das einheitlich von verschiedenen Marktteilnehmern anzuwenden ist und qualitativ hochwertige Verbriefungen fördern soll. Angesichts dessen prognostizieren DCM-Teams auch weiterhin einen starken Verbriefungsmarkt beziehungsweise auch in Anbetracht der Tatsache, dass der Verbriefungsmarkt im Gegensatz zum Anleihemarkt aufgrund der variablen Verzinsung weniger stark von einer Neubewertung durch etwaige Zinserhöhungen gefährdet ist.

In Anbetracht der Einschränkungen, die Covid-19 mit sich brachte, hielten sich große personelle Änderungen im Rahmen. Bereits im Mai 2019 stieg Philipp Klöckner jedoch von Sullivan & Cromwell LLP in die ECM-Praxis von Clifford Chance ein und baute somit die emittentenseitige Beratung aus, während die DCM-Praxis von Norton Rose Fulbright durch den Einstieg von Anleiheexperten Christoph Enderstein von Allen & Overy LLP im März 2020 einen erheblichen Aufschwung erfuhr. CMS‘ DCM-Praxisgruppenleiter Oliver Dreher wechselte außerdem im Dezember 2019 zu Dentons. Im Dezember 2020 trennte sich schließlich Katja Kaulamo von Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP und schloss sich Paul Hastings LLP an.