Marktüberblick in Deutschland

Wenngleich mit der Ankündigung des Software-Unternehmens TeamViewer noch vor Ende 2019 an den Prime Standard der Frankfurter Börse gehen zu wollen, der größte Börsengang des Jahres in den Startlöchern steht, blieb der deutsche Neuemissionsmarkt relativ ruhig: Zum einen sorgte in der ersten Jahreshälfte Brexit für Zurückhaltung und zum anderen belasten der andauernde Handelskonflikt zwischen den USA und China sowie das langsamere chinesische Wirtschaftswachstum die Erwartungen deutscher Unternehmen. Ein ähnliches Bild zeichnet sich im Bereich der Kapitalerhöhungen ab, dessen Volumina deutlich unter denen von 2018 liegen.

Trotzdem sitzen Kapitalmarktrechtler nicht vor leeren Schreibtischen. So sorgte die im Juli 2019 eingeführte EU-Prospektverordnung (Prospekt-VO), an das sich das deutsche Wertpapiersprospektgesetz (WpPG) anpasst, für erhöhtes Mandatsaufkommen. Die Verordnung verfolgt das Ziel, die Belastungen für kleinere und mittlere Unternehmen, Emittenten von Sekundäremissionen und Daueremittenten zu senken: Regulatorische Hindernisse werden dadurch abgebaut, Kosten gesenkt und Prospekte sollen nun einfacher und kompakter gestaltet werden. Für Unternehmen bedeutet dies jedoch vorerst eine Umstellung und somit zusätzlichen Arbeitsaufwand, was nicht zuletzt Kapitalmarktrechtsteams in die Hände spielt.

Zu den durch die Prospekt-VO eingeführten Veränderungen zählt beispielsweise eine neue Darstellung von Risikofaktoren: Es sollen nun nur noch Risikofaktoren in die Prospekte aufgenommen werden, die auch wirklich eine Rolle spielen, d.h. sie sollen nach Wesentlichkeit gewichtet werden. Klimawandel-bezogene Faktoren sind Teil dieser Risikobewertung und wirken sich verstärkt auf Anlageentscheidungen aus, was ein stetiges Wachstum von nachhaltigen Anlagen mit sich bringt beziehungsweise gleichzeitig den Rückzug aus nicht-grünen Anlagen vorantreibt. So entschloss sich beispielsweise der norwegische Staatsfonds bereits 2015, seine Investitionen aus Unternehmen herauszuziehen, die mehr als 30% ihres Umsatzes aus Kohle erzielen. Seitdem verschrieben sich mehr als 100 globale Finanzinstitutionen diesem Divestment. Bei Kanzleien zeigt sich dieser Trend in der zunehmenden Beratung zu Green Bonds.

Daneben wird im Anleihemarkt zunehmend auf Risiko gesetzt, da risikoarme Anleihen wie beispielsweise Bundesanleihen kaum Rendite abwerfen. Im Juli 2019 gab Deutschland erstmals eine 30-jährige Anleihe mit einem Kupon von 0% aus. Es überrascht daher wenig, dass außer Pensionsfonds und Lebensversicherungen, die gesetzlich dazu verpflichtet sind, sichere Anleihen zu halten, keine Nachfrage nach Papieren mit Minusrenditen besteht. Bei Unternehmensanleihen sieht es ähnlich aus. Hochzinsanleihen sind hier attraktiver, insbesondere spekulative amerikanische Unternehmensanleihen. Am Euro-Kapitalmarkt wird man für die Risikoaufnahme hingegen weniger stark entlohnt. Vom Fokus auf US-amerikanische Anleihen profitieren insbesondere Kanzleien wie Latham & Watkins LLP und White & Case LLP, die jeweils auf High-Yield-Bonds spezialisierte Teams verweisen können und daneben über einschlägige US-amerikanische Expertise verfügen.

In Anbetracht der Rekord-Niedrigzinsen und der mit Liquidität gefluteten Märkte besteht außerdem die Befürchtung eines daraus resultierenden Schuldenexzesses bei Unternehmen. Bei steigenden Zinsen und einer sich abkühlenden Konjunktur sind Firmenpleiten zu erwarten, worauf man sich auch im Rechtsmarkt vorbereitet und insbesondere in Kanzleien mit erfahren Restrukturierungs- und Insolvenzteams.

Zum anderen schürt die Niedrigzinslandschaft und die damit im Zusammenhang stehende Schwierigkeit, rentierliche Anlagen zu finden auch die Nachfrage nach strukturierten Produkten, die seit dem Inkrafttreten der EU-Verbriefungsverordnung (Verbriefungs-VO) im Januar 2019 einem neuen Regelwerk unterliegen. Dadurch entstand ein allgemeiner Rechtsrahmen für Verbriefungen, der einheitlich von verschiedenen Marktteilnehmern anzuwenden ist und qualitativ hochwertige Verbriefungen fördern soll. Somit bildet für DCM-Teams die regulatorische Beratung neben der Transaktionsbegleitung eine tragende Säule des Geschäfts, von dem man sich auch zukünftig positive Bilanzen erwartet. Diese Prognose eines starken Verbriefungsmarkts basiert auf der Einschätzung, dass der Verbriefungsmarkt im Gegensatz zum Anleihemarkt aufgrund der variablen Verzinsung weniger stark von einer Neubewertung durch etwaige Zinserhöhungen gefährdet ist.

Den Kapitalmarkt widerspiegelnd blieben im Berichtszeitraum große Schlagzeilen personeller Veränderungen größtenteils aus. Die Ausnahme bildete hier die US-Kanzlei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton. Hier führte das schwache Geschäft zu massiven personellen Einschnitten: Thomas Kopp verließ die Kanzlei Ende September 2019 und Gabriele Apfelbacher kündigte an, Ende 2019 aus der Partnerschaft auszuscheiden.