Marktüberblick in Deutschland

Trotz der Erwartung eines Markteinbruchs hält der Private Equity-Boom in Deutschland weiterhin an. Insbesondere Assets in konjunkturunabhängigen Sektoren wie dem Gesundheitssektor bleiben weiterhin heiß umkämpft, während andere Branchen, darunter auch Automotive, aufgrund wirtschaftlicher Rahmenbedingungen eine Abkühlung erfahren.

In Bieterverfahren wetteifern Investoren darum, Unternehmen zu erwerben und setzen aufgrund der Komplexität, Geschwindigkeit und Internationalität des PE-Geschäfts meist auf erfahrene Teams internationaler Großkanzleien, die schnell grenzüberschreitende und praxisübergreifende Teams zusammenstellen können und neben der Transaktionsexpertise auch reichlich Branchenerfahrung, insbesondere in regulierten Industrien, mitbringen. Daneben profitieren auch Family Offices von der guten Wirtschaftslage: Durch ihre steigende Investitionskraft beteiligen auch sie sich zunehmend an Auktionsverfahren und heizen den Markt dadurch weiter an.

Dieses kompetitive Umfeld wird weiterhin von der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gespeist, wodurch Investoren aus einem breiten Angebot an günstigen Krediten mit guten Konditionen wählen können. Seit der Marktein- und -durchdringung von Debt-Fonds als alternative Kreditgeber weitete sich dieses Angebot noch einmal deutlich aus. Diese bieten Kreditnehmern eine attraktive Alternative zu klassischen Banken, deren Kreditvergabebedingungen an striktere Richtlinien gebunden sind. Da sich dadurch höhere Rendite erwirtschaften lassen als am Kapitalmarkt, steigt in Deutschland zunehmend das Interesse an Übernahmen von börsennotierten Unternehmen (sogenannte Public-to-Private-Transaktionen, P2P), wovon Kanzleien mit einschlägiger kapitalmarkt- und aktienrechtlicher Expertise profitieren.

Daneben setzen sämtlich große PE-Häuser auf Spin-Offs, um dem Anlagedruck durch das Auflegen spezialisierter Fonds beziehungsweise das Vordringen in Nischenmärkte entgegenzusetzen. Dieser zunehmende Spezialisierungstrend beziehungsweise der Mangel an verfügbaren Assets bedingt außerdem einen Anstieg an Small- und MidCap-Transaktionen sowie eine erhöhte Bereitschaft, in Minderheitsbeteiligungen zu investieren. Wo sich die Gelegenheit bietet, agieren PE-Häuser auch zunehmend proaktiv und versuchen bereits im Vorfeld Beziehungen zu Management-Teams auserkorener Targets aufzubauen, um sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen.

Das Venture Capital-Segment ist von einem ähnlichen Boom gezeichnet: Kanzleien berichten von einem Trend zu größeren Investitionssummen in einzelnen Finanzierungsrunden. So sicherte sich die Berliner Smartphone-Bank N26 Anfang 2019 $300 Millionen und stieg damit in den Kreis der milliardenschweren Start-ups auf. Gleichzeitig wird die Runde der Investoren immer internationaler, worauf sich auch VC-Teams diverser Kanzleien: entweder durch gezielte Kooperationen mit Best Friends-Kanzleien oder verstärkte Zusammenarbeit mit Büros aus dem Netzwerk, insbesondere denen in den USA, einstellen.

Daneben zählt eine integrierte IP- und datenschutzrechtliche Beratung inzwischen zum Standardprogramm von am VC-Markt etablierten Kanzleien, die dadurch den starken VC-Tätigkeiten in den Bereichen Biotech und Life Sciences, FinTech, PropTech und Software gerecht werden. Aufgrund der wirtschaftlichen Reife, die mittlerweile zahlreiche Start-ups erreicht haben, nimmt neben der Gründungs- und Finanzierungberatung die Transaktionsbegleitung eine verstärkte Rolle ein.

Deutschlands Dreh- und Angelpunkt der Start-up-Szene bleibt weiterhin Berlin, gefolgt von München und Hamburg, wodurch die Bundeshauptstadt der zentrale Standort für Venture Capital-Boutiquen beziehungsweise VC-Teams von Großkanzleien bleibt. Oft sind es kleine Einheiten, die durch flexiblere Kostenstrukturen und wendigere Vorgehensweisen den besseren Draht zur Start-up-Szene haben und so regelmäßig an Finanzierungsrunden beteiligt sind. Großkanzleien treten hingegen meist aufseiten der Banken und Investoren auf und profitieren nicht zuletzt von zunehmenden Corporate Venture-Aktivitäten.

Während der Berichtszeitraum 2017/ 2018 von zahlreichen personellen Änderungen geprägt war, traten einschlägige personelle Umwälzungen im Recherchezeitraum von Mitte 2018 bis Mitte 2019 nur vereinzelt auf. Nachdem Gleiss Lutz im Frühjahr 2018 Jan Bauer an Skadden, Arps, Slate, Meagher & Flom LLP verlor, verließen Ende 2018 und Mitte 2019 weitere zwei Partner die Kanzlei: Jörn Wöbke schloss sich Ende 2018 Schnittker Möllmann Partners an und Fred Wendt ist seit Herbst 2019 bei Flick Gocke Schaumburg.