Marktüberblick in Deutschland

Aufgrund der von einer überwiegend stabilen Konjunktur und niedrigen Zinsen geprägten gesamtwirtschaftlichen Lage der vergangenen Jahre in Deutschland waren verhältnismäßig wenige Insolvenzen in der deutschen Wirtschaft zu verzeichnen. Erst 2019 mit einer leicht abkühlenden Konjunktur begannen sich die Zeichen zu ändern. Erste größere Insolvenzen, wie von Bekleidungsunternehmen Gerry Weber, dem Windturbinenhersteller Senvion, der Fluggesellschaft Germania und dem Reiseveranstalter Thomas Cook, folgten. Betroffen waren insbesondere die Branchen, die sich bereits in der Krise befanden oder schon seit längerem von einem strukturellen Wandel geprägt waren. Beispielhaft sind an dieser Stelle der stationäre Einzelhandel, die Modebranche oder der Automotive Sektor zu nennen.

Anfang 2020 änderte sich die wirtschaftliche Lage dann schlagartig durch die weltweite COVID-19-Pandemie. Regierungen und Behörden auf der ganzen Welt verhängten Ausgehverbote, erließen „Lock-Down“- oder „Shelter-in-Place“-Verordnungen und führten „Social Distancing“ sowie  Quarantänemaßnahmen ein. Ab März des Jahres kam quasi übernacht das öffentliche Leben in weiten Teilen der Welt zum Erliegen. Die Reiseverkehrs-, Handels-, Gastronomie- und Eventbranchen sahen von jetzt auf nachher fast ihre kompletten Einnahmeströme wegfallen. Betroffen waren auch internationale Handelsströme und Lieferketten. Vielerorts kam es zu Lieferengpässen. Durch diesen Schock gerieten viele Unternehmen in Zahlungsnöte.

Die Bundesregierung in Berlin reagierte schnell und erließ das „Gesetz zur vorübergehenden Aussetzung der Insolvenzantragspflicht und zur Begrenzung der Organhaftung bei einer durch die COVID-19-Pandemie bedingten Insolvenz (COVInsAG)“. Unter bestimmten Bedingungen waren Unternehmen nicht mehr dazu verpflichtet, bei mangelnder Liquidität Insolvenz anzumelden. Durch das neue Gesetz und die außergewöhnliche wirtschaftliche Lage, war der Beratungsbedarf von Unternehmen groß. Gefragt waren Förderkredite aus speziellen Rettungs- und Umstrukturierungsbeihilfen, Steuerstundungen, Kurzarbeitergeld oder arbeitsrechtliche Beratung. Kanzleien waren im Dauereinsatz, um die Anfragen aus der Wirtschaft zu bewältigen.

Trotz der vorübergehenden Aufhebung der Insolvenzantragspflicht, sahen sich einige Unternehmen aufgrund der durch die Coronakrise radikal geänderten wirtschaftlichen Situation gezwungen, Insolvenz anzumelden. Prominente Beispiele hierfür sind die Restaurantkette Vapiano, der Modekonzern Esprit, der Warenhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof und der Automobilzulieferer Veritas. Der deutsche Restrukturierungs- und Insolvenzmarkt ist zwar nach wie vor von den großen Insolvenzen des Vorjahres, wie Senvion, Gerry Weber und Thomas Cook geprägt, doch kommen nun verstärkt die pandemiebedingten Insolvenzen zum Tragen. Hinzu kommt außerdem der spektakuläre Betrugs- und Insolvenzfall der Wirecard AG. Mit allgemeiner Spannung werden die Auswirkungen des Wiedereinsetzens der Insolvenzantragspflicht erwartet. Mitunter wird eine regelrechte „Insolvenzwelle“ gefürchtet.

Gespannt wird dieser Tage auch in Richtung Berlin geblickt, da die Bundesregierung verpflichtet ist, die EU-Richtlinie (EU) 2019/1023 über präventive Restrukturierungsrahmen bis Mitte 2021 in nationales Recht umzusetzen. Mit dem präventiven Restrukturierunsrahmen soll die Restrukturierung von Unternehmen erleichtert werden, Deutschland zu einem wettbewerbsfähigerem Insolvenzstandort gemacht werden und dem „Insolvenztourismus“ in Europa Einhalt geboten werden. Bereits 2012 wurde mit dem „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (ESUG)“ ein Gesetz verabschiedet, welches neue Maßnahmen in der Restrukturierung von Unternehmen ermöglichte, wie Eigenverwaltungs- und Schutzschirmverfahren. Diese hatten in den vergangenen Jahren zunehmend an Bedeutuung gewonnen und zu erheblichen Verschiebungen im Insolvenz- und Restrukturierungsmarkt geführt. Es wird erwartet, dass es mit dem präventiven Restrukturierungsrahmen erneut zu größeren Veränderungen in der Restrukturierungspraxis kommen wird.

Als klassisches „Krisengeschäft“ war es bis vor kurzem im Insolvenz- und Restrukturierungsmarkt folglich etwas ruhiger. Allgemein war zu beobachten, dass keine der Praxen in diesem Tätigkeitsbereich in den letzten Jahren groß ausgebaut und vermehrt Personal eingestellt hätte. Generell war eine Stagnation der Teamgrößen zu vermerken, sowie eine Umorientierung in den Tätigkeitsbereichen der Teams. Da betriebsbedingte Restrukturierungen auch in wirtschaftlich besseren Zeiten vorkommen, konnte man in den letzten Jahren eine Verschiebung von Insolvenzverwaltung in Richtung Restrukturierungstätigkeit beobachten. Beispiele hierfür wären BRL BOEGE ROHDE LUEBBEHUESEN, Wellensiek Rechtsanwälte - Partnerschaftsgesellschaft und Schultze & Braun.

Des Weiteren hat auch die Bedeutung der Prozessführung im Bereich des Insolvenzrechts zugenommen, vor allem bezüglich Insolvenzanfechtungen oder Organ- und Managerhaftung. Kanzleien mit einer verstärkten Spezialiserung in diesem Bereich sind unter anderem Graf von Westphalen, Taylor Wessing sowie BRL BOEGE ROHDE LUEBBEHUESEN und Noerr mit einer starken insolvenzrechtlichen Prozessabteilung.

Gerade in der Insolvenzverwaltung ist eine gewisse Regionalität zu erkennen. Dr Beck & Partner GbR Rechtsanwälte und Jaffé Rechtsanwälte Insolvenzverwalter treten vor allem in Süddeutschland in Erscheinung, während Flöther & Wissing und Brinkmann & Partner eher im Norden präsent sind.

Einige Großkanzleien, wie Kirkland & Ellis International LLP, Dentons und Clifford Chance, konzentrieren sich vor allem auf die Finanzrestrukturierung, während andere stärker die operative Restrukturierung abdecken. Zu letzterem Segment zählen unter anderem GÖRG Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB und Gleiss Lutz. Allerdings ist zu erkennen, dass vermehrt beides gleichermaßen von den Kanzleien angeboten wird.