Marktüberblick in Deutschland

Wenig überraschend war auch der Insolvenz- und Restrukturierungsmarkt in den Jahren 2020 und 2021 durch die Covid-19-Pandemie geprägt, wenn auch anders als ursprünglich erwartet.Mit den ersten einschneidenden Lockdowns im Frühling 2020 ging eine Erwartungshaltung zunehmender Insolvenzanmeldungen und eines entsprechend erhöhten Beratungs- und Insolvenverwaltungsbedarfs einher. Mancherorts war gar von einer drohenden Insolvenzwelle die Rede, die jedoch nicht eintraf. Nichtsdestotrotz war zu Beginn der Covid-19-Krise ein deutlich erhöhter Beratungsbedarf zu unter anderem Förderkrediten aus speziellen Rettungs- und Umstrukturierungsbeihilfen, Steuerstundungen und Kurzarbeitergeld zu verzeichnen. Doch die Zahl der Insolvenzanmeldungen selbst blieb auf einem historisch niedrigen Stand und fiel 2021 im Vergleich zum Vorjahr sogar noch weiter.Gründe hierfür liegen unter anderem in dem von der Bundesregierung verabschiedeten Covid-19-Insolvenzaussetzungsgesetz (COVInsAG). Damit war bis Ende 2020 die Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen infolge der Pandemie ausgesetzt und unter bestimmten Umständen waren überschuldete beziehungsweise zahlungsunfähige Unternehmen, die zwischen Anfang November 2020 und Ende Februar 2021 Hilfen im Rahmen staatlicher Covid-19-Hilfsprogramme beantragt hatten, noch bis Ende April 2021 von der Insolvenzantragspflicht ausgenommen. Doch auch nach dem Wiedereinsetzen der Insolvenzantragspflicht stieg die Anzahl an Regelinsolvenzen nicht an, sondern sank im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weiter. Dies kann mit der sich stabilisierenden Konjunktur in Zusammenhang gebracht werden.Demenstprechend war die Anzahl gerichtlicher Insolvenzverfahren gering und die Mandatsauslastung der Verwalterkanzleien niedrig. Viele der auf die Insolvenzverwaltung spezialisierten Kanzleien passten sich an und verlagerten ihren Schwerpunkt auf die Restrukturierungsberatung – ein Trend, der sich aus den vergangenen Jahren fortsetzt. Ein Beispiel für diese Verlagerung ist Flöther & Wissing, während Kanzleien wie CMS, White & Case LLP und GÖRG Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB bereits länger beide Beratungsbereiche anbieten.Vielfach wird außerdem davon ausgegangen, dass die Insolvenzverwaltung und Restrukturierungsberatung zunehmend verschwimmen werden, was der rechtlichen Entwicklung geschuldet ist. Mit Anfang 2021 trat das Gesetz zur Fortentwicklung des Sanierungs- und Insolvenzrechts (SanInsFoG) in Kraft. Kernstück des SanInsFoG ist das Gesetz über den Stabilisierungs- und Restrukturierungsrahmen für Unternehmen (StaRUG), welches mit Spannung erwartet wurde. Mit dem StaRUG wurde die Möglichkeit geschaffen, eine Sanierung gegen eine Gläubigerminderheit durchzuführen, ohne ein Insolvenzverfahren eröffnen zu müssen. Im ursprünglichen Entwurf des Gesetzes war zudem vorgesehen, dass in laufende Verträge, beispielsweise Lieferverträge oder Mietverträge, eingegriffen werden kann. Dieses Werkzeug stand bislang nur den Insolvenzverwaltern zur Verfügung. Diese Möglichkeit wurde allerdings kurzfristig vor der Verabschiedung des Gesetzes gestrichen, wodurch die Bewertungen zum StaRUG gemischt ausfallen.Einerseits wird das StaRUG als sinnvolle Ergänzung im Restrukturierungswerkzeugkasten empfunden, andererseits finden viele Restrukturierer, dass dem Gesetz dadurch einige sehr sinnvolle Gestaltungsmöglichkeiten genommen wurden. Bereits jetzt zeichnet sich ab, dass das StaRUG wohl nur in wenigen Fällen Anwendung finden wird. Nichtsdestotrotz herrscht im Allgemeinen Einigkeit darüber, dass sich alleine die Existenz des StaRUG positiv auswirken wird, da im Bedarfsfall mit der Auflösung von Sperrminderheiten gedroht werden kann. Wie sich die Anwendungsfälle des StaRUG langfristig entwickeln werden, bleibt abzuwarten. Bisher gab es nur wenige StaRUG-Verfahren im deutschen Restrukturierungsmarkt.Weiterhin regelmäßig in der Anwendung sind Eigenverwaltungs- und Schutzschirmverfahren. Zu den größten und bekanntesten in jüngerer Vergangenheit zählen die Schutzschirmverfahren von Condor und Bonita, die Ende 2020 beziehungsweise im März 2021 erfolgreich abgeschlossen werden konnten, sowie die von Esprit und Galeria Karstadt Kaufhof. Dass die letzten drei genannten aus den Bereichen Mode, Retail und stationärer Einzelhandel stammen, ist bezeichnend für die anhaltende Krise dieser Sektoren. Ebenfalls weiterhin schwer betroffen ist der Automotive-Sektor. Für den deutschen Markt prägende Insolvenzen sind weiterhin die Wirecard-Insolvenz sowie die im März 2021 neu hinzugekommene Insolvenz der Greensill Bank.Gerade bei gerichtlich angeordneten Insolvenzverfahren ist eine gewisse Regionalität zu erkennen. Dr Beck & Partner GbR Rechtsanwälte und Jaffé Rechtsanwälte Insolvenzverwalter sind vor allem in Süddeutschland tätig, während Flöther & Wissing und Brinkmann & Partner eher im Norden präsent sind.Im Falle von Restrukturierungen sind regionale Schwerpunkte weniger ausgeprägt. Dafür unterscheiden sich Kanzleien durch divergierende Tätigkeitsschwerpunkte. Einheiten wie Kirkland & Ellis International LLP, Dentons und Clifford Chance konzentrieren sich vor allem auf Finanzrestrukturierungen, während andere Einheiten wie GÖRG Partnerschaft von Rechtsanwälten mbB und Gleiss Lutz stärker die operative Restrukturierung abdecken. Allerdings ist auch hier zu erkennen, dass Kanzleien vermehrt beides gleichermaßen anbieten.Neben der operativen und finanziellen Restrukturierung bildet die insolvenzrechtliche Streitbeilegung ein weiteres Tätigkeitsfeld. Zu den Kanzleien mit einer besonderen Spezialisierung in diesem Bereich zählen unter anderem GvW Graf von Westphalen, Taylor Wessing, BRL BOEGE ROHDE LUEBBEHUESEN und Noerr, die jeweils über eine starke insolvenzrechtliche Prozessabteilung verfügen.