Marktüberblick in Deutschland

Der Streitbeilegungsmarkt in Deutschland wird weiterhin vom Diesel-Komplex geprägt. Juristischer Beistand in Produkt- und Organhaftungsfragen sowie die Vertretung vor Gericht ist nach wie vor ein lukratives aber auch zeitaufwändiges Geschäft für viele Anwaltskanzleien. In der Natur der Sache liegt hier insbesondere die hohe Anzahl von Klägern. Hierfür führte man im November 2018 nun die Musterfeststellungsklage ein, die als Deutschlands Antwort zur Diesel-Problematik gilt. Jedoch besagt diese, dass selbst bei einem positivem Urteil, Kläger ihre Schadensersatzansprüche daraufhin trotzdem individuell geltend machen müssen. Die Aufnahme im Markt ist daher eher verhalten und der allgemeine Konsens besteht, dass das Gesetz noch ausbaufähig ist.



Zuletzt lässt sich zudem - auch unter dem Einfluss des Dieselskandals - ein verstärkter Bedarf nach Strafrechtlern erkennen. Während diese traditionell nicht in der Konfliktlösungspraxis einer Großkanzlei zu finden waren, gab es hier viel Bewegung im Markt und Strafrechtler sind nun oftmals fester Bestandteil der Streitbeilegungsteams, um auch dieses Segment gut abdecken zu können.



Nachdem die Implementierung der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) Mitte 2018 zunächst verstärkt für Beratungsbedarf sorgte, antizipiert man weiterhin die ersten Verfahren. Die Behörden waren bis jetzt eher nachsichtig und die große Klagewelle nicht in Sicht, doch es bleibt abzuwarten, wie lange das noch der Fall sein wird.



Die Schlagworte Digitalisierung und Globalisierung sind nun langsam auch in den deutschen Gerichten angekommen. Nachdem LegalTech für die meisten Kanzleien bereits seit einigen Jahren ein Thema ist, macht man jetzt auch in der Justiz kleine Schritte in diese Richtung. Bis 2022 soll eine Verpflichtung zur  elektronischen Einreichung bestimmter Schriftsätze bundesweit durchgesetzt sein. Außerdem finden Bemühungen statt, Verfahren vermehrt auf Englisch zu führen, um hier auch auf internationaler Ebene als Rechts- und Wirtschaftsstandort interessant zu bleiben.



Während Streitigkeiten zunehmend komplexer und Mandanten anspruchsvoller werden, zahlt es sich auch weiterhin aus, wenn man als Streitbeilegungsteam intern auf verschiedene Praxisgruppen sowie auf ein internationales Netzwerk zurückgreifen kann. Überschneidungen zum Gesellschafts- und Kartellrecht sind mittlerweile an der Tagesordnung und auch in den Bereichen Real Estate und Energie ist oftmals spezielle Expertise gefragt. Hier haben die Großkanzleien einen klaren Vorteil, doch seit Jahren ist auch eine konstante Gegenbewegung zu beobachten: Durch die vielen Interessenskonflikte in Großkanzleien spalten sich immer wieder Streitbeilegungsexperten ab, um eigene Einheiten zu gründen. So stieg im März 2019 beispielsweise der renommierte Daniel Busse bei Allen & Overy LLP samt weiteren Kollegen aus und formierte sich neu unter der Streitbeilegungs-Boutique Busse Disputes. Ein weiterer prominenter Wechsel fand im September 2019 statt, als Sabine Konrad von McDermott Will & Emery Rechtsanwälte Steuerberater LLP zu Morgan, Lewis & Bockius LLP ging. Die jüngere Arbitration-Boutique Seven Summits Arbitration (7SA) fasst auch immer mehr Fuß im Markt und ist auf dem Weg, sich als neuer Wettbewerber in der Szene zu etablieren.