Marktüberblick in Deutschland

Während der wirtschaftsstrafrechtliche Markt in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Kanzleineugründungen und Personalwechseln durch Bewegung auf anwaltlicher Ebene gekennzeichnet war, eröffnen sich mit dem in den finalen Phasen des Gesetzgebungsverfahrens steckenden Verbandssaktionengesetz nun auch auf rechtlicher Ebene neue Dynamiken.

Der am 21. Oktober 2020 in den Bundestag eingebrachte Gesetzesentwurf, der voraussichtlich Ende 2020/Anfang 2021 verabschiedet werden wird, sieht zum einen eine drastische Erhöhung der Strafen für Unternehmen vor, die einen höheren Jahresumsatz als €100 Millionnen erwirtschaften, und misst zudem bestehenden Compliance-Maßnahmen von Unternehmen eine wichtige Rolle bei; die Qualität existierender Compliance-Management-Systeme könnte so ausschlagebend sowohl für die Höhe von Sanktionen als auch die Entscheidung über eine Verwarnung sein. Zudem strebt das neue Gesetz an, einen rechtssicheren Rahmen für Staatsverfolgungsbehörden und Unternehmen und deren Berater zu unternehmensinternen Untersuchungen zu schaffen.

Strafrechtsboutiquen gelten in Deutschland insbesondere im Bereich der Individualverteidigung weiterhin häufig als bevorzugte Wahl, jedoch ist diese gesetzliche Bündelung an unternehmensstrafrechtlichen Themen nicht zuletzt ein starker Indikator für die Relevanz wirtschaftsstrafrechtlicher Expertise in Großkanzleien. Auch wenn kleinere, spezialisierte Einheiten ihre Complianceberatung insbesondere in den vergangenen Jahren ausweiten konnten, rücken Großkanzleien mit spezialisierten Strafrechtsteams, Schnittstellenkompetenzen zu thematisch vielfältigen Compliancethemen sowie Personalstärke im Rahmen von internen Untersuchungen für Unternehmen in der Krise verstärkt in den Vordergrund. Die neue Gesetzgebung wird den Markt jedoch nicht spalten, vielmehr wird sie, insbesondere zu einem Zeitpunkt eines pandemiebedingten wirtschaftlichen Abschwungs, mit relativer Sicherheit zu einem höheren Mandatsaufkommen sowohl auf Ebene präventiver als auch reaktiver Beratung und Vertretung führen.

Neben diesem bislang nur theoretisch zu erörternden Gesetz, spielten insbesondere Cum-Ex-Verfahren eine bedeutende Rolle für die Großzahl der wirtschaftsstrafrechtlichen Berater in Deutschland, ein Trend, der sich insbesondere nach der Verurteilung zweier britischer Aktienhändler im ersten Cum-Ex-Prozess im März 2020 durch eine regelrechte Prozessflut fortsetzen wird; die federführende Staatsanwaltschaft Köln ist durch den Cum-Ex-Komplex jedoch so stark ausgelastet, dass Verjährungen drohen und zu erwarten ist, dass die durch Dividendentricks unterschlagenen, milliardenschweren Steuerzahlungen nicht in die Staatskasse zurückfließen werden.

In der Kanzleienlandschaft verhielt es sich 2020 verhältnismäßig ruhig: Bemerkenswerterweise schlossen sich jedoch Astrid Lilie-Hutz und Saleh Ihwas, zuvor bei Knierim & Kollegen Rechtsanwälte tätig, Schiller & Kollegen an, während Markus Adick und Leonie Linke Rettenmaier & Adick verließen, um die auf Wirtschafts- und Steuerstrafrecht spezialisierte Einheit ADICK LINKE Rechtsanwälte zu gründen; Felix Rettenmaier praktiziert nun unter Rettenmaier Frankfurt.